Alte Damen

Während der letzten Jahre meiner Schulzeit in Kopenhagen, nach dem Umzug in die Store Kongensgåde, hatte sich die Situation zuhause endgültig in Streit und Schweigen aufgelöst. Mein Vater wirke damals zunehmend zermürbt, im Nachhinein habe ich ihn fast ausgemergelt in Erinnerung, während er versuchte, gleichzeitig möglichst viel Zeit auf der Arbeit zu verbringen, um meiner Mutter aus dem Weg zu gehen, aber trotzdem so gut es ging Zeit mit uns Kindern zu verbringen. Das hieß, dass er sich gegen 12 Uhr für eine lange Mittagspause auf der Arbeit entschuldigte und dann über den Markt nach Hause fuhr. Dort wartete er fast sehnsüchtig auf uns, beschenkte uns mit frisch gekochtem Essen und einem wehmütigen Lächeln, und wollte wissen, dass es uns gut ging und dass wir alles hatten, was wir brauchten. Danach düste er wieder in die Arbeit, und kam erst zurück, als wir schon im Bett waren, was unsere Mutter jedes Mal maßlos ärgerte. Von Bettruhe konnte man dann nicht mehr sprechen. Im Gegensatz zu unserem Vater hatte unsere Mutter mehr Zeit und Ruhe für uns an den Nachmittagen, aber das hieß nicht, dass es trotz ihrer Klugheit, meinem Vater die Mittagessen mit uns zuzugestehen, eine einfache Zeit mit ihr gewesen wäre. Die Wochentage durch schaffte sie es, die überall krachenden Planken zusammen zu halten: die Streits zwischen uns Kindern, die Hausaufgaben oder unsere Anliegen und Wehwehchen, wenn es wieder einmal in der Schule Enttäuschung und Ärger gegeben hatte. An den Wochenenden jedoch war sie verschwunden, überließ unserem Vater das sinkende Boot und suchte Beruhigung im Norden Jütlands, zumindest erzählte sie uns das. Dafür nahm sie über den Kopf unseres Vaters hinweg das Auto, und er fluchte lang und leise, wenn wir ihn nicht hören konnten. Die seltenen Momente, in denen die ganze Familie beisammen war, waren durch ein Schweigen gezeichnet, durch das nicht mal wir Kinder uns gegenseitig hören konnten, ganz als hätte jemand den Raum mit Kunstharz ausgegossen. Damals habe ich mich an den Nachhausewegen von der Schule festgeklammert und sie möglichst in die Länge gezogen, indem ich anfing, trotz des gut ausgebauten Metronetzes zu Fuß zu laufen. An besonders schlimmen Tagen bin ich meinen Lieblingsabschnitt gar doppelt gelaufen. Mir schien damals, als konnte ich eh nicht mehr tun als einen Schritt nach dem anderen zu machen, und noch einen, und noch einen. Mein Lichtblick jedoch waren die alten Damen, die auf den schmalen Gehwegen mit noch ewigerer Langsamkeit als ich es bereits tat einen Fuß vor den anderen setzten. Dann genoss ich diese von der Nachsicht mit dem Alter auferlegte Ruhe in vollen Zügen. Die meisten von ihnen wollten mich, wenn sie mich hinter ihnen bemerkten, bei der nächsten Gelegenheit vorbei lassen, und waren ganz überrascht, dass ich hartnäckig darauf bestand, mich der Vorgabe ihres Tempos anzupassen. Damit war das erste Wort gewechselt. Alle weiteren ließen zunächst auf sich warten, da der Gehweg kein Nebeneinander zuließ. Eines sehr schweigsamen Tages zu Hause war ich auf dem Rückweg von der Schule so in Gedanken versunken, dass ich nicht merkte, wie ich Elke (ihren Namen kannte ich damals noch nicht) und ihrem meditativen Zuckeln bis in den nahen Park folgte, meinen Abzweig lang hinter mit lassend.

»Junger Herr, nun können Sie mich aber wirklich überholen« machte sie sich bemerkbar.

»Bitte?«

»Soll ich Ihnen mein Hörgerät ausleihen? Ich sagte, Sie können mich überholen!«

»Ach so, nein danke« sagte ich traurig schmunzelnd.

»Sie gehen seit 20 Minuten hinter mir her! Ich kenne Sie doch, ich sehe Sie öfter am Nachmittag. Gehen sie auf das Kierkegaard–Gymnasium? Das, wo mein Mann Alchemie gelernt hat?«

»Alchemie?!«

Sie fummelte wortlos an ihrem rechten Ohr herum, und drückte mir kurz darauf ihr Hörgerät in die Hand. »Los jetzt, Sie hören ja wirklich gar nichts!« beschwerte sie sich.

Ich starrte verwirrt auf das kleine Gerät, »aber jetzt können Sie mich ja gar nicht hören«

»Macht nichts, wenn Sie dafür antworten« sagte sie zwinkernd.

Ich schüttelte den Kopf. »Entschuldigen Sie« brach es aus mir heraus, und ich setzte mich auf die Bank, neben der sie ursprünglich stehen geblieben war, bevor sie sich zu mir umgedreht hatte, »heute ist nicht mein Tag« und brach in Tränen aus.

»Ja aber mein Junge«, sagte sie, »das war doch nur ein Hörgerät.« Ich gab ihr das Hörgerät wieder und weinte noch ein wenig mehr. Etwas Seidiges berührte meine Hand. Sie hatte sich neben mich gesetzt und tätschelte sie mit der ihren: »Nu, jetzt mach man halblang. Was ist denn los?«

Und ich redete. Ich redete von den Streitereien meiner Eltern, dass mein Vater mir nicht zuhörte, ich weinte über die Ungerechtigkeit der Welt und die Unsicherheit meines Zuhauses. Sie saß neben mir wie ein Stein in der Brandung, und schälte sich unbeeindruckt eine Banane, während ich das Schluchzen nicht mehr zurück halten konnte. Nach zwei mit äußert viel Geduld gegessenen Bananen und langen Pausen war ich in einem Zustand angekommen, dass sie mir auch eine anbot. Da erst fiel mir auf, wie stark mich ihr Blick an meine Stiefoma erinnerte, und dann ihre Hand, die geschälte Banane darin… Ich schloss erschöpft die Augen, und lehnte mich bei ihr an. Es musste sich um einige Stunden gehandelt haben, die ich geschlafen hatte, die Sonne war fast untergegangen. Elke hatte mir die Banane zusammen mit einem kleinen Zettel auf den Ranzen gelegt. Dort stand: »Hund hat Hunger. Genießen Sie Ihre Banane, und bleiben Sie zuversichtlich. Ich werde auch nächste Woche wieder auf dem gleichen Weg einkaufen gehen. Elke«

Erschrocken stand ich auf. Was mein Vater sich für Sorgen machen musste!

Nach der Begegnung mit Elke fing ich mich an zu fragen, wer die anderen alten Damen waren, an deren Tempo ich mich nach der Schule so oft hielt. Waren es überhaupt die gleichen? Vor allem schaute ich mich natürlich nach Elke um, sah sie aber zunächst nicht mehr. Stattdessen, und weil ich hoffte, jemanden zum Reden zu finden, begann ich, die Damen, die ich wiedererkannte, zu grüßen. Bald kannte ich die Namen ihrer Enkelkinder, die Berufe ihrer Söhne und das Alter ihrer Wellensittiche. Eine der jung gebliebenen war Marie, die mir Lieder von Elvis Presley vorsang und jeden zweiten Tag Knackwürste im Supermarkt um die Ecke unserer Schule kaufte. Sie erzählte mir von ihren Weltreisen als gefeierte Opernsängerin, und war außer sich vor Stolz, wie schnell ihre Enkel Englisch lernten. Als ich einen Nachmittag mit ihr meinen Nachhauseweg bestritt, es dämmerte schon, blitzte unter einer Straßenlaterne in der Ferne ein bekanntes Gesicht auf, »Elke!« rief ich verdutzt.

»Wie bitte?« fragte Marie, die manchmal nicht ganz so schnell war.

»Sogar ihr Gang ist wie der von Omi«, sagte ich irritiert zu mir, und dann zu ihr: »nur eine Bekannte«. In der Zwischenzeit war Elke zwischen den parkenden Autos auf der anderen Straßenseite verschwunden. Schnell rannte ich durch den Verkehr, um sie abzufangen. Weg. Wie konnte das sein? Es gab weder Seitenstraßen, noch wäre sie schnell genug gewesen, um ihren Rollator in einen der Hauseingänge zu bugsieren. Auf der anderen Straßenseite beschwerte sich Marie: »Mach das bloß nicht nochmal, du ungezogner Bengel! Mir bleibt ja das Herz stehen!« Ihre Stimmgewalt konnte sie bei Bedarf noch sehr gut wiederfinden.

»Jetzt sag, wen suchst Du so fieberhaft?« fragte sie mich und wackelte mit ihrem Zeigefinger, als ich zu ihr zurück kam.

»Eine Bekannte« entgegnete ich, »Ich dachte, ich hätte sie grad an der Ecke da hinten gesehen. Sie hat lange schwarze Haare, und sieht ziemlich alt aus. Aber sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Also falls du eine rote Mütze siehst und einen langen grauen Mantel…«

Sie legte ihren Kopf schräg. »Du hörst dich an, als hättest du eine Nisse gesehen.«

»Als würde das helfen« lachte ich frustriert. »Außerdem erinnert sie mich eher an meine Stiefoma.«

»Aha, wie kommt das?«

»Ach, ich weiß nicht, ihre Gesten sind irgendwie voll ähnlich, aber ich glaub vor allem, genau wie meine Stiefoma hat sie es irgendwie geschafft zu machen, dass ich nicht mich selber verliere, wenn ich mal wieder unglücklich bin über die Streits von meinen Eltern. Leider ist Stiefoma aber vor ein paar Jahren gestorben.« sagte ich und ließ den Kopf hängen.

»Das tut mir leid, mein Junge. Irgendwann müssen wir alle von dieser Welt gehen. Aber die Geschichten von ihr werden bleiben, keine Sorge.« sagte sie und tätschelte mir den Rücken. Die Traurigkeit trug ich an diesem Tag nach Hause – und mein Vater war immer mehr der Meinung, dass mir die Schulwege schadeten.

Dabei waren jene Wege in der Zwischenzeit viel mehr Zuhause als das von ihm konstruierte geworden. Da war Heidi, die ihren knallroten Filzmantel bis in den Sommer trug, Frau Kaiser, die ihren Oberlehrerinnenblick nach wie vor mit Stolz aufsetzte, und Marie blieb Marie, und hatte irgendwann angefangen, auch mich mit ihren Knackwürsten zu versorgen. Und auch heute noch bremse ich jedes Mal ab, wenn ich auf den alten Wegen unterwegs bin, und genieße unwillkürlich die warme Aufmerksamkeit und die langsam vorbei ziehenden Ziegel der Hauswände, sollten andere (oder die gleichen) alten Damen den Gehweg blockieren. Dann werde ich traurig, und denke über die Situation Zuhause von damals nach. Die alten Damen sind so mit der Zeit zu meinen Taxifahrerinnen in den Abgrund geworden mit ihren Rollatoren und Würstchen und wackelnden Hintern und ihrem herzlichen Grüßen. Ich fürchte sie, wenn ich auf den alten Wegen gehe, und liebe sie trotzdem, sobald sie auftauchen und mir den Weg ins Dunkle leuchten.

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